by felicitevanille | 1:19 am

Niemals hätte ich gedacht, dass man eine Lebenssituation so derart treffend auf ein Bild komprimieren kann, aber es ist tatsächlich vollbracht und ich hatte das unfassbare Glück, es tagtäglich in meinem ganz eigenen – ok, gemieteten, aber doch für gewisse Zeit meinem – Badezimmer bewundern zu können.

 

Aber von vorn! Zuerst war es nur eine fixe Idee, eine Art Konsumrausch, wie Ihr es vielleicht kennt. Man steht im Supermarkt seiner zufälligen, weil wie immer eiligen, Wahl zwischen Äpfeln vom Bodensee und aus Neuseeland, Avocados aus Chile, Keksen und Brot aus der Giftmischerei… und auf einmal sieht man etwas, von dem man niemals geahnt hätte wie unbedingt man es sich doch immer sehnlichst gewünscht hat! Plötzlich ist es einfach da und Du weißt:

DAS IST ES!

Über jeglichen Zweifel erhaben stieß ich einen Freudenschrei aus, damit auch bestimmt der ganze Laden, möglicherweise auch der ganze Stadtteil informiert war: Einhornklopapier!!!  Sogar mit Regenbogen! Wie bezaubernd!!! Ganz klar, das musste gekauft werden. War ja auch ein recht preiswertes Angebot zum ganz großen Glück, wenn man bedenkt, was ein Accessoir in diesem Format auf der Maximilianstraße kostet zum Beispiel… Ein Schnäppchen!

 

Voller Stolz trug ich meinen neuen Schatz nach Hause – zuversichtlich, dass dieser Kauf mein Leben entscheidend verändern würde. Als ich das Paket im Bad bunkern wollte, fiel mir ein weiteres absolut großartiges Detail auf. Meine Errungenschaft war nicht nur gepresster Zellstoff mit Einhörnern und Regenbögen und Sternchen – nein! Obendrein versprach die Verpackung auch noch Zuckerwatteduft! Welch Leuchten in meinem trüben Alleinerziehendendasein! Einhörner, Regenbögen, Zuckerwatte… Ein kleines Stück vom großen Glück auch in meiner bescheidenen Nasszelle! Von nun an konnte es nur noch bergauf gehen. Kapitalismuszynik ganz nach meinem Geschmack.

Es kam der große Tag, an dem das letzte Blatt der alten Rolle verbraucht wurde und es war tatsächlich ein kleiner Freudenschauer, der mich überkam, als ich – tatsächlich ein wenig nervös – die Verpackung öffnete. Was, wenn das Zuckerwattearoma Kopfschmerzen auslösen würde? Ihr kennt das vielleicht, dieses Gefühl, den Stein der Weisen gefunden zu haben und die Angst, bei genauerem Betrachten festzustellen, dass er es gar nicht ist. Genauso ging es mir an jenem Tag in meinem Bad. Und dann… war ich positiv überrascht. Kein penetranter Zuckerwatteduft, nein, der Geruch war tatsächlich äußerst dezent.

Allerdings traf mich eine andere Erkenntnis sehr gnadenlos. Waren auf diesem Toilettenpapier nicht nur Einhörner und Regenbögen, welche ja nun tatsächlich reizend aber leider ziemlich für den Arsch sind – nein! Der Designer hatte sich ein besonderes Special überlegt – nur für alle Alleinerziehenden, die in diesem Supermarkt einkaufen, wie ich vermute. Sahen meine trüben Augen zwischen Einhörnern, Sternen und Regenbögen die Worte

BELIEVE IN YOUR DREAMS

Wie bitte ist das anders aufzufassen, als eine äußerst treffende Versinnbildlichung meiner Lebensform. Das ist es. Der tägliche kalte Guss beim Betreten des Badezimmers: Frohlockende Fabelwesen in bezaubernder Umgebung mit dem motivierenden Leitsatz “Glaube an deine Träume” – lediglich dazu kreiert, Exkremente wegzuputzen und währenddessen nach Zuckerwatte zu riechen. Hervorragend! Welchem Zyniker fällt bitte sowas ein? Das war selbst mir zu heftig, zumindest auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick wurde mir klar, dass ich aus der Not eine Tugend machen muss und mich Tag ein, Tag aus, damit konfrontieren muss, um an dem Elend zu wachsen. Vielleicht auch nur, weil ich nicht schon wieder Geld für Toilettenpapier ausgeben wollte? Wer weiß.

Nun, da die letzte Rolle aufgebraucht, habe ich verstanden, dass dieses Produkt keine Kapitalsmuskritik ist. Nein, es ist noch nicht mal besonders gesellschaftskritisch, bestenfalls ein wenig ironisch, würde man es beispielsweise im Abort einer Metall-WG deponieren.

Auf der Toilette einer Alleinerziehenden entspricht es jedoch der gnadenlosen Realität. Du kannst Träumen, Du darfst Illusionen zulassen, aber nicht zu lange, denn eigentlich hast Du nie Zeit. Du kannst schon was tolles studieren, glauben, dass Deine Mühe sich zu irgendeinem Zeitpunkt lohnt, aber im Moment kannst Du danke sagen, wenn Du einen Vollzeitjob zu Teilzeitkonditionen bekommst und Dir überhaupt jemand eine Chance gibt, Deinen Lebensunterhalt selbst zu bestreiten. Für jeden Monat, an dem der juristische Anspruch auf Unterhalt für Dein Kind umgesetzt wird – zünde eine Kerze in der Kirche an – die Zeiten können sich schneller ändern, als Dir lieb ist. Freue Dich an Kleinigkeiten und halte Dich nicht mit großen Träumen auf – Du bist anderweitig beschäftigt. Lauf Mädchen, wenn Du schnell genug bist, schaffst Du es vielleicht heute Abend in die Badewanne. Vielleicht bist Du ja heut nicht zu müde. Möglicherweise klingelt Dein Telefon nicht, um Dir eine schlechte Nachricht zu überbringen und im Briefkasten ist auch nichts, das Dir seltsame Gefühle beschert. Dann hast Du Glück gehabt. Heute. Morgen kann es anders aussehen. Ganz anders. Im Guten, wie aber auch im Schlechten.

Möchtest Du Dich auch einmal alleinerziehend fühlen oder fehlt Dir eine gewisse Portion Zynismus in Deinem Leben, hier kannst Du Dir auch eine Rolle voller Weisheit bestellen!

 

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