by felicitevanille | 11:10 pm

Handarbeiten, Basteln, Pekip…wie Frauen in der Elternzeit strategisch benachteiligt und unterfordert werden. Stubenkoller vorprogrammiert.

Warum fangen alle Frauen eigentlich mit Eintritt der Mutterschaft an zu basteln? Ich meine an dieser Stelle keine nervigen Kastanienmännchen oder Phantasiegemälde in Kooperation mit den Geistern, die wir riefen… Nein! Erwachsenenbasteln.

Erst fängt alles ganz harmlos an… SCHEINBAR!- man findet auf einmal, manchmal schon in der Schwangerschaft, sicherlich jedoch innerhalb des ersten Lebensjahres des Sprösslings, irgendwo eine kleine Häkelarbeit (ich dachte, ich mach mal ein Mützchen…) oder findet auf dem Facebookprofil Bilder von Selbstgenähtem, Selbstgefilztem oder ähnlichem. Irgendwann wird aus der kleinen, dezenten Häkelarbeit ein größeres Projekt und wenn das Produkt nicht völliger Mist ist kommen dann die ersten Stricknadeln… Die Nähmaschine (das ist ganz einfach!). Wie ein vorgenerierter Suchtkreislauf. Einstiegsdroge Häkelnadel! Alles überschüssige Geld wird in Wolle, Stoff und sonstigem Bastelzubehör investiert. Irgendwoher kommt dann die Inspiration, falls die Mutter viel Lob für ihre Arbeiten bekommen hat (mei is des liab, so a herzigs Mützal), mach doch nen Dawanda Shop. Macht ja keiner. Kaum. Allein wenn man heute bei Dawanda eine Babyhäkelmütze sucht, bekommt man 879 Treffer. 879 Leute, die Babymützen verkaufen. Man kann dann wählen – ist ja Dawanda – welche Farbe, Größe etc. das gute Stück haben soll. Wird ja alles super individuell vom heimischen Sofa aus in die Welt gestrickt. Die Preise variieren zwischen 4,50 Euro und 25 Euro. Bei 879 Treffern fällt man bestimmt auf! So kann frau auch ein wenig zum Haushaltseinkommen beitragen und dem Feminismus und dem Mindestlohn mal ordentlich ans Bein pinkeln, übrigens. Gehen wir von einem durchschnittlichen Preis von 12,50 pro Arbeit aus und ziehen dann erstmal die Dawandagebühr von 30 ct ab bleiben 12,20. Aber nur, wenn frau keine Werbung schaltet. Die kostet nämlich extra. Das Baumwollgarn selbst kostet zwischen 2 und 4 Euro, also durchschnittlich 3 Euro. Bleiben noch 9,20 fiktiver Lohn für… Mindestens 2 Stunden Arbeit. Macht dann 4,60 Euro die Stunde. Super Job. Für Mutti. Nur mal so.

  

Wer im klassischen Handarbeiten nicht so fix ist, beginnt mit dem Heimwerken. Die Wohnung braucht nen neuen Anstrich, alles muss lackiert werden, Baby! Neue Möbel müssen her, alternativ reicht es auch, die Wohnung mindestens einmal im Monat komplett umzustellen und Polstermöbel mit neuen Plaids zu versehen. Wann hast Du zuletzt die Bilder in den Rahmen gewechselt? Ach, Du hast keine Rahmen? Bekomm’ ein Kind und ich verspreche Dir, spätestens 2 Jahre später hast Du welche!

Die Frage, die sich mir stellt, ist: Ist in diesem Schwangerschaftshormon auch ein Basteltrieb integriert? Hängt das irgendwie mit diesem Nestbaumodus zusammen? Ein Relikt aus der Steinzeit, dem wir Mütter uns nicht widersetzen können? Von damals, als die Felle noch gekämmt und die Höhle noch gefegt werden musste? Ein weiterer mysteriöser Urtrieb, der aus einer gebildeten, emanzipierten, hochqualifizierten Frau eine Stricklisl macht, die sich ihre ohnehin spärliche Freizeit mit Youtube Anleitungen zum Thema Zopfmuster vertreibt?  

Warum gibt es eigentlich keine Kurse “Arabisch in der Elternzeit – mit Spielecke” oder “Kettensägen-Rückbildungs-Pilates – mit Kinderbetreuung”? Handelt es sich hierbei vielleicht sogar um eine gesellschaftliche Verschwörung, herbeigeführt vom über uns regierenden Patriarchat, das wir Mütter, besonders die alleinerziehenden unter uns wohl definitiv nicht mehr verleugnen können? So ala: Häkeln, Stricken, Kochen, Kind versorgen muss doch reichen. Das Phänomen tritt in meinem Umfeld derart gehäuft auf, dass ich schon mal fragen möchte, ob da ein System dahinter steckt…  Sind dies die einzigsten Auswege aus dem vielzitierten Stubenkoller, oder treiben sie uns nur noch tiefer hinein. Ein Adventsgesteck (natürlich selbstgemacht) gegen postnatale Depressionen? Warum eigentlich kein Saufgelage, regelmäßig, wie… Stammtisch? Oder dreimal pro Woche Intensivworkout im Boxclub? Ach so… das ist nicht mit Kinderbetreuung. Und der Porsche ist ja auch nur ein Zweisitzer und dann auch noch ein Cabrio! Was, wenn das Kleine einen Zug kriegt? Nicht, dass ich hier Raserei und Alkoholismus schön reden möchte, aber es handelt sich bei gewählten Beispielen eben auch um gesellschaftlich anerkannte Entspannungstechniken.  Strategisch wird Müttern also der Zugang zu vermeintlichen Frustabbau – Strategien verwehrt. Frau ist ja niemals aggressiv. Nee, bei schlechter Laune mache ich mir einen Tee und häkel ein schönes Deckchen? Gehts noch? Gerade in den ersten Jahren mit Kind ist doch das Frustlevel bei Müttern am höchsten. Gepeinigt durch Schlafmangel, der Abhängigkeit von täglichen wechselnden Befindlichkeiten und Gegebenheiten wie “Ich komm heut später, Schatz”, “Ich muss mich jetzt erstmal erholen, ich habe doch den ganzen Tag gearbeitet”, “Erhol dich gut, bald musst du wieder arbeiten” oder  “Wir gehen heut alle…ach so! Du hast ja den Kleinen…”Und dagegen helfen Mützchen? Und Decken? Mütter gehören in Gesellschaft. Gegebenenfalls auch zum Kampfsport. Mütter müssen auch die Sau rauslassen dürfen. Und sie brauchen dabei dringend Unterstützung. Angepasste Angebote zum Beispiel. Dieses autarke Muttidasein kann nicht gesund sein. Für niemanden. Pekip und Spielgruppen-Treffs sind ja ganz reizend, aber auch völlig langweilig. Man sitzt im Raum mit völlig Fremden mit denen man bis auf das Kind im gleichen Alter nichts gemeinsam hat. Geistiger Anspruch: Äußerst gering. Da kann man tatsächlich genauso gut zu Hause bleiben und häkeln.

Wie empfindet Ihr das? Selbst zur Stricklisl mutiert? Unverständnis über neue Profihäkler im Freundeskreis? Oder ist mein Umfeld zu homogen? Schreib mir Deine Meinung bitte in den Kommentar, auf Twitter felicite@felicitevanille oder besuch mich auf Facebook. Ich bin ernsthaft daran interessiert.

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