by felicitevanille | 9:43 pm

„Ach, Harry, wir müssen durch so viel Dreck und Unsinn tappen, um nach Hause zu kommen! Und wir haben niemand, der uns führt, unser einziger Führer ist das Heimweh.“

– aus Der Steppenwolf, Hermann Hesse.

Die letzte Aufzeichnung aus Indien Gokarna, 23. 01. 2017

Jedoch in Anjuna erreichte mein Kind ein anderer Virus: Heimweh. Nicht, dass er sich in der bisherigen Zeit nicht gelegentlich nach seiner Familie und seinen Freunden gesehnt hätte – das macht er immer, in Konfliktsituationen. Nein bitteres Heimweh. Mit vielen Tränen. Dagegen helfen keine Urlaubsfreunde. Dagegen hilft keine Pizza und kein Eis. Kein Fußballspiel und keine Geschichten. Das kommt Schubweise. Und die Schübe kommen in immer kürzeren Abständen und werden immer heftiger. Was nun also tun?

Abwarten, dachte ich mir. Die vorletzte Nacht, die wir eigentlich in Anjuna waren, verbrachten wir mit Freunden in Arambol. Diese wollten weiterziehen nach Palolem und für uns sollte es nach Gokarna gehen. Angesichts der schrecklichen Bilder aus der Heimat – Schnee und eingefrorene Wimpern nach dem Joggen – zog ich eine Weiterreise über Palolem in Betracht. Zwar überhaupt in keinster Weise nicht der Idee der Reise entsprechend, aber zumindest vor der Kälte in Sicherheit mit glücklichem Kind an meiner Seite.

Aber auch diese Aussicht brachte keine Besserung. Mein Kind will heim. Und zwar schnell. Am liebsten heute. Ablenkung durch Abenteuer? Ist leider nur von kurzer Dauer. Sicher fand er es lustig, im Zug zu fahren, wo ständig jemand durchläuft uns sonstiges versucht an den Mann zu bringen. Klar ist Tuk-Tuk fahren witzig. Aber nach jedem glücklichen Moment fließen die Tränen nur noch heftiger. Da blutet das Mutterherz. „Ich wollte nie mit nach Indien!“ ruft es dann. „Stimmt“, muss ich gestehen.

Einfach einen Rückflug buchen? Nein, ich hab Angst. Ganz klar. Angst zu erfrieren. Die Winter in Bayern sind lang und finster und grau. Aber ein Kompromiss muss her! Also wandeln wir weiter auf unseren Touristenpfaden und verlassen dieses bezaubernde Gokarna und begeben uns nach Kerala. Ein bisschen Backwaters, noch ein bisschen mehr Strand und Sonne. Aber dann wird es wohl nach Hause gehen. So direkt der Skyscanner uns lässt.

Aber ich wollte doch… Stimmt. Ich wollte. Aber ich bin hier nicht allein. Und nur weil dieses Lebewesen in meinem Bauch gewachsen ist, heißt das nicht, dass wir die gleichen Ideen und Interessen haben müssen. Sicher, wäre es schicker und auch um vieles einfacher. Aber dem ist nicht so. Während ich in Frankreich am letzten Stop unserer Reise damals saß und überlegt habe, nicht noch schnell spontan nach Spanien zu fahren für zwei Wochen, hat mein Sohn schon voller Vorfreude erzählt, was er zu Hause vor hat. Als erstes, wenn er heim kommt. Würde es Sinn machen, ihn an den Haaren unter Tränen durch Indien zu ziehen, damit er nichts verpasst hat, wo er doch schon mal hier war? Vermutlich nicht. Und Spaß auch nicht. Bin ich enttäuscht? Nein, denn wir sind in Indien. Jetzt. Und noch fast zwei Wochen. Und wenn er erstmal Finanzbeamter ist, kann ich ja Rollen an meinen Backpack schrauben (der Rücken wirds mir danken) und wieder los ziehen. So, wie ich will.

Zurück in München – eine Retrospektive

Von dem Tag an, als ich die Entscheidung traf, zurück zu reisen, war es, als ob meinem Sohn ein dicker, schwerer Felsbrocken vom Herz fiel. Er genoß die Zeit, die wir noch in Indien verbrachten gnadenlos. Als er traurig war, dass wir Gokarna verließen, fragte ich ihn, ob er denn nicht lieber länger in Indien bleiben würde. „Nein Mama, wir fliegen heim,“ war seine Antwort.

Das selbe ereignete sich in Varkala. Erst flossen die Tränen beim Abschied und auf die Frage, ob wir nicht noch bleiben wollen, bekam ich die Antwort: „Nein, ich freu mich auf meine Patentante (die uns vom Flughafen abholte). Wie viele Stunden noch?“

Mir wurde klar: Mein Kind braucht Strukturen. Klare Abläufe, wenig Veränderung und es ist schön, wenn jeder Tag ähnlich ist. Unwägbarkeiten, häufige Wechsel der Umgebung und der Menschen – das ist noch (die Hoffnung stirbt zuletzt) nicht sein Ding. Allerdings ist das wohl auch logisch, denn wer eine Mama mit einem Gesicht voller Piercings und gelegentlich lila Haaren hat, einen Papa, der sein Junggesellenleben in Berlin in vollen Zügen genießt und nur dann und wann vorbei schaut, Menschen in sämtlichen Altersgruppen und Lebensumständen seine Freunde nennt und eher auf Festivals geht, als dass er ein Fußballtunier erlebt… Der will wohl einfach nur Normalität. Einfach so sein, wie alle anderen auch. Und alle anderen waren nun mal nicht in Indien. Alle anderen haben Schneemann gebaut und waren Schlitten fahren. Denken wir an „Sommer in Orange“ von Marcus Rosenmüller, können wir das nachvollziehen.

Daher kam wohl auch der Wunsch, auf die Sprengelschule zu gehen. Und der Wunsch, im Fußballverein mitzumachen. Den Kampf, das die Mama irgendjemanden heiratet, damit auch bei uns ein Papa zu Hause ist, haben wir zum Glück beendet. Mama muss nicht heiraten. Aber die Sprengelschule und der Fußballverein muss sein. Ebenso wie Würstchen aus toten Schweinen.

Es ist nicht so, dass ich das nicht verstanden hätte, das das für mich vollkommen unnachvollziehbar gewesen wäre. Aber ich weiß aus eigener Erfahrung, dass Sprengelschulen ein hartes Pflaster für kleine Sensibelchen darstellen. Der Haken? Es ist meine Erfahrung. Mein Kleiner muss sie erst noch machen. Und momentan ist das sein Wille. Sollte nicht jeder Mensch selbst entscheiden, welche Schule er besuchen möchte? Alternativen gibts genug, ich habe mich informiert.

Eine Reise nach Indien ist niemals ein Urlaub, eine Reise nach Indien ist eine Therapie. Jeder der da war, weiß, wovon ich spreche. Und der erste Therapieerfolg dieser Reise wurde bei der Buchung der Heimreise ersichtlich. Ich buchte ein Ticket nach Kerala und dann nach München. Warum? Klar wollte mein Kind schnell heim, aber wären wir sofort heim geflogen, wäre ich kaum damit klar gekommen. Eine Woche „Schonfrist“ in Kerala musste noch sein („Bitte setzen Sie bei einem Luftdruckabfall in der Kabine zuerst sich selbst die Atemmaske auf. Erst dann helfen Sie kleinen Kindern und Passagieren, die dazu nicht in der Lage sind“ Sicherheitsanweisung im Flugzeug.). Und die Backwaters. Wenigstens das. Weil ich das brauchte. Aber dann heim. Weil mein Kind das brauchte, nicht weil das mein Wunsch war. Warum? Weil ich mich dazu bereit erklärt habe, ihn in sein Leben zu begleiten. Aus freien Stücken. Damals, als ich beim Ultraschall einen pulsierenden Punkt auf dem Monitor sah, begleitet von den Worten: „Das ist Ihr Kind.“

Bevor ich nach Indien fuhr, hatte ich die Bedeutung der Worte nicht verstanden. Ich dachte und fühlte bisher, ich würde mein Leben mit meinem Kind teilen. Aber das stimmt nicht. Es ist meine Aufgabe, Ihn in seinem Leben zu begleiten. Dazu gehört auch, ihn teilweise sehenden Auges ins Verderben rennen zu lassen, weil so ein Mensch einfach gottverdammtnochmal seine eigenen Erfahrungen machen muss, um daran zu wachsen und daraus zu lernen. Freitag nächste Woche ist also unser erstes Fußballtrainig. Und Mitte März der Infoabend in der Sprengelschule. Und wenn ich in 20 Jahren einen Beamten abgöttisch liebe? Tja, dann ist das halt so. Aber dennoch weiß ich:

“Wer einmal nicht nur mit den Augen, etwa als Luxusreisender auf einem Touristendampfer, sondern mit der Seele in Indien gewesen ist, dem bleibt es ein Heimwehland, an welches jedes leiseste Zeichen ihn mahnend erinnert. Wieviel tausendmal, seit ich vor vierzehn Jahren in Indien war, haben Kleinigkeiten auf dem Umweg über die Sinne mich erinnert, mich gemahnt, mir Heimweh geweckt! Einmal war es die blecherne Palme im Ladenfenster eine Tabakhändlers, unter der ein rauchender Schwarzer stand, ein andermal war es der Geruch von Gewürzen, der Geschmack von Curry oder Ingwer, oder der Duft von Sandelholz, der indischste aller Düfte.”
– aus Sehnsucht nach Indien, Hermann Hesse

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