by felicitevanille | 5:33 pm

Angst beim Reisen mit Kind und wie ich damit umgehe.

„Du bist aber mutig! Alleine mit Kind nach Indien! Dass Du Dich das traust! So mutig wäre ich auch gerne! Ich trau mich das nicht, so ganz allein.“ All das bekam ich zu Ohren bevor wir uns auf den Weg machten. Meistens habe ich gesagt, dass ich gar nicht mutig bin. Aber das wollte keiner hören. Auch, als ich gesagt habe, dass ich voll viel Angst habe, war das wohl irgendwie mal wieder nicht glaubwürdig. In der Realität sah das aber tatsächlich anders aus. Jeder, der die Organisation dieser Reise erlebt hat, weiß, wovon ich rede.

Normalerweise fahre ich nämlich einfach ins blaue. Relativ ohne Plan. Vor unserem ersten Urlaub war mir sogar bis 48 Stunden vor Abflug nicht klar, dass mein Kind auch einen eigenen Reisepass braucht. Das erfuhr ich quasi „um die Ecke“, als ich vor meinem Laptop saß, fürs Studium schrieb und nebenbei das Radio lief. Denn dort erzählten die Nachrichten, dass man am Münchner Flughafen einen Kinderhändlerring aufdecken konnte. Anhand der Papiere der Kinder. Zufrieden tippte ich weiter an meinem wissenschaftlichem Erguss. Tut die Polizei doch auch mal was sinnvolles. Hervorragend! Schon Schweine, diese Kinderhändler! Wenigstens manche Kontrollen sind… Moment! Die Papiere der Kinder? Es fiel langsam, aber es fiel, dieses Zehnerl. Anhand eines Telefonates mit der Flughafenpolizei erfuhr ich, dass auch mein Kind einen Ausweis braucht. Einen ganz eigenen. Mit biometrischem Passbild. Bis Montag Mittag. Jawohl. Ohne Pass kein Amsterdam. Mist. Mit Hilfe einer guten Freundin kamen wir nicht nur zum Pass, sondern auch pünktlich am Flughafen an. Das war der Beginn einer wundervollen Reisekarriere. Es zog sich durch. Immer hatte Mutti was verpeilt, dennoch kamen wir immer durch.

Nicht so bei dieser Reise, denn die Bedenken der Anderen haben sich wie Zecken in meinem Gehirn festgebissen. Wir sind geimpft, verfügen über gültige Pässe, Visa, Desinfektionsmittelchen, sogar eine Reiseapotheke haben wir ausnahmsweise mal dabei. Oh, und sogar eine Reisekrankenversicherung! Darüber hinaus habe ich jetzt sogar eine Kreditkarte, da ich in Erfahrung brachte, dass man mit Maestro nicht weit kommt in incredible India. Dann kam die Demonetarisierung. Der Versuch, das Bargeld in Indien ausschleichen zu lassen. Tolle Banane. Alle Sicherheitsvorkehrungen also für die Katz! Was bringt mir mein Budget, wenn ich es auf nem Münchner Konto habe? Stornieren, um der Katastrophe zu entgehen? Leider nicht möglich, denn die Flüge sind Low-Budget Buchungen. Das Visum kann auch nicht mehr zurückgegeben werden. 1000 Euro aus dem Fenster werfen? Nee…Dieser Artikel  machte Mut. Denn ich bin ja im indischen Sinne überdurchschnittlich wohlhabend. Schwarzmarktcourtage läuft also auch bei mir. Wir fliegen.

„Du bist aber mutig. Das traue ich mich nicht.“ Verzweifelt war meine Antwort: „Ich mich doch auch nicht!“ Aber ich wurde immer noch nicht ernst genommen, obwohl ich schon so eine Ahnung hatte, durch welchen Wahnsinn ich mich mit meiner Buchung schicken werde…

So kam er, der Tag vor dem Abflug. Die Rucksäcke gepackt, die Wohnung geputzt, alle Formalitäten geklärt, alles erledigt. Es galt nur noch den Ort der Familienweihnacht zu verlassen, nach München zurückzufahren und den „Kleinscheiss“ zu erledigen. Exakt 24 Stunden vor Abflug wurde ich, nach 2 Stunden Schlaf, wach und befand mich in Panik. „Ich will nicht nach Indien!“ Schrie jede Faser meines Körpers. „Bleib daheim und mach die Heizung an, dann ists auch schön und warm!“ „Wie bescheuert bist Du eigentlich?“ Um nur einige meiner Gedanken zu nennen. Aufregung, Panik, böse Vorahnung – alles am Start. Von Vorfreude und Zuversicht keine Spur. Warum konnte ich bloß nicht Thailand buchen? Und jetzt? Sehe ich dem Tod ins Angesicht und habe ihn auch noch bestellt. Super gemacht!

So fuhr ich rum, im Gedankenkarussel. Bis mir klar wurde: Ach ja, wir stürzen doch eh ab. Und wenn ich in München nicht in den Flieger steig, werden wir halt von Terroristen erschossen. So wirds gehen. Unser letztes Stündlein steht uns nun einfach bevor und egal ob wir fliegen oder nicht, wir werden sterben. Aber würde ich sterben wollen bevor ich nochmal in Indien war? Irgendwie nicht. Und sterben kann man ja schließlich überall. Damit beruhigte sich der Puls. Die Vorahnungen waren schrecklichst, wurden von den Tränen in den Augen der Abschiednehmenden noch verschrecklichisiert, aber seinem Schicksal muss man sich nunmal ergeben. Ob in Indien oder sonstwo.

Todesmutig stiegen wir also am 28. 12. in unseren Flieger, der uns problemlos bis Paris brachte. „Bataclan“ dachte ich noch bei der Landung, bei der bedauerlicherweise doch das Fahrwerk des Flugzeuges ausgefahren wurde und wir nicht mit einem lauten Knall am Beton zerschellt sind. „Dann wird es also ein weiteres Terrorattentat in Paris. Würde ja auch auf CDG zielen, wenn ich viele Menschen erreichen will.“ Soviel stand dann schon mal fest. Vielleicht würden wir ja auch einfach unseren Flieger verpassen, dann könnten wir noch entspannt ein paar Macaroons futtern, uns nett ein Zimmerlein mieten für ein paar Tage und vielleicht doch nach Thailand oder in die Karibik fahren… Charles de Gaulle ist schließlich riesig und unkoordiniert – für meine Laienaugen. Wir erreichten den Flieger. Wir wurden nicht erschossen. Der Flieger hatte sogar ein wenig Verspätung. „Alles klar. Es wird doch ein dramatischer Flugzeugabsturz.“ Naja…

Wurde es nicht. Ohne Zwischenfälle kamen wir in Mumbai an. Sogar relativ reibungslos bis ins Hotel. Und wir haben überlebt. Die Reise und die ersten 4 Tage in Indien. Ohne Krankheit, ohne Diebstahl und ohne sonstige Unannehmlichkeiten. Aber darüber mehr im nächsten Post.

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